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„Ich habe dem Bezirk ein Gesicht gegeben …“

 

Fünfzehn Jahre lang war er Präsident des Bezirks Mittelfranken – und er hat auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Richard Bartsch ist ab sofort ‚nur’ noch Bezirksrat der CSU für den Stimmkreis Nürnberg-West. Mit dieser Entscheidung geht es ihm aber gut.

„Man muss gehen, wenn die Menschen es noch bedauern“, so begründete der ehemalige Ansbacher Oberbürgermeister Dr. Ernst-Günther Zumach 1990 seine „Nicht-mehr-Kandidatur“ als Oberbürgermeister von Ansbach. Richard Bartsch dachte ähnlich. Deshalb fiel seine überraschende Entscheidung gegen die Kandidatur aus. Zugegeben, es gibt einige, die sie eher in der Diskussion rund um die Bezirkskliniken nebst deren Vorstand sehen. Letztlich überraschte sein Entschluss Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Parteifreunde und weitere Gruppierungen.

„Mir war klar, dass wir aufgrund des Wahlergebnisses und der danach folgenden Gespräche wahrscheinlich keine Mehrheit mehr für meine Kandidatur erreichen konnten. Somit habe ich entschieden, 15 Jahre Bezirkstagspräsident sind genug und ich mache den Weg frei“, so Bartsch in einer kurzen Erklärung.

Der neue Bezirkstag ist größer und bunter, die Themen sind vielfältiger und komplexer. Die Suche nach Mehrheiten wird nur nach intensiven und herausfordernden Diskussionen erfolgreich sein. Er wolle dieser neuen Mehrheit nicht im Weg stehen. So hat Richard Bartsch auch keinen Sitz in einem Ausschuss des Bezirkstags beansprucht. Er wird aber die Interessen Mittelfrankens in der Verbandsversammlung des Bayerischen Bezirkstags vertreten.

Es ist schon ein lachendes und ein weinendes Auge dabei, sagt er ganz offen. „Ich bin sehr gerne Bezirkstagspräsident gewesen“, gibt er ohne Umschweife zu. „Ab meinem ersten Jahr als Bezirkstagspräsident war ich in der gesamten Region präsent und gelegentlich sehr erstaunt, als manche Bürgerinnen und Bürger mich nach den Aufgaben des Bezirks fragten. Ich habe in meiner Amtszeit dem Bezirk ein Gesicht gegeben; darauf bin ich sehr stolz“.

Bei vielen Veranstaltungen in der mittelfränkischen oder französischen Partnerregion und im polnischen Pommern kennen nunmehr viele Richard Bartsch und die Aufgaben des Bezirks in der Gesellschaft und Politiklandschaft.

Die Aufgaben des Bezirks sind nicht nur vielfältig, sondern auch enorm wichtig für das soziale, kulturelle, gesundheits- und bildungspolitische Leben in Mittelfranken. Schulen, Ausbildungsstätten, Kliniken, Museen und soziale Einrichtungen werden vom Bezirk betrieben und finanziert. Nicht zu vergessen die internationale Rolle, die der Bezirk Mittelfranken mit der Partnerregion Nouvelle Aquitaine (vorher Limousin) und der Woiwodschaft Pommern spielt. Gegenseite Austauschprogramme von Kindern, Jugendlichen, Kulturtreibenden und zahlreiche Städte- und Gemeindepartnerschaften bezeugen die Intensität dieser Beziehungen.

Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau des Bezirksrathauses

So ist es nicht verwunderlich, dass Richard Bartsch auf die Frage nach seinen ‚Hochs und Tiefs’ als Bezirkstagspräsident die Begegnungen mit Friedensnobelpreisträger Lech Walesa sowie den beiden französischen Präsidenten Francois Hollande und Emmanuel Macron zu seinen absoluten Höhepunkten zählt. „Vor allem die jungen Menschen muss man für die grenzüberschreitende Freundschaft gewinnen, denn es ist ihre Zukunft, in einem starken, geeinten und vor allem friedlichen Europa zu leben“ sagt Richard Bartsch.

Als Paradebeispiel für fantastisches Engagement und deutsch-französische Freundschaft spricht er über das Musical „Mademoiselle Marie“. Die Cadolzburger Burgfestspiele e.V. hatten es zuerst nur in ihrem Sommertheater aufgeführt. Sehr bald schon wurde das Potential dieser Produktion erkannt; ein Film entstand und die Schauspielgruppe konnte es sogar letztes Jahr in Oradour, dem von der deutschen SS zerstörten Dorf im Limousin, aufführen. Die beiden Vorstellungen waren restlos ausverkauft. Junge und alte Zuschauerinnen und Zuschauer sowie viele politische Regional- und Regierungsvertreter wollten dieses berührende Schauspiel deutsch-französischer Geschichte nicht versäumen. Gänsehaut pur auch, weil der einzige Überlebende des Massakers von Oradour, Robert Hebras, bei beiden Vorstellungen anwesend war und den jungen Schauspielern große Anerkennung und Respekt zollte. „Das war ein ganz besonderer Moment für mich“, gibt Richard Bartsch zu.

Robert Hebras, einziger Überlebender des Massakers von Oradour, zwischen Richard Bartsch und Romina Satiro, Darstellerin von Marie, war 2017 bei beiden Vorstellungen anwesend und zeigte große Anerkennung. In Oradadour wollten viele politische Regional- und Regierungsvertreter dieses berührende Schauspiel deutsch-französischer Geschichte nicht versäumen.

Als absoluten Tiefpunkt bezeichnet der ehemalige Bezirkstagspräsident die Ereignisse, die sich nach dem 6. Dezember 2004 überschlugen. Da wollten der damalige bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber und die Staatsregierung die Bezirke aufzulösen. Eine Woge der Entrüstung rollte durch den Freistaat, denn keiner hatte einen Plan, wie das eigentlich ablaufen sollte, geschweige denn, wer die Aufgaben und die Kosten für die zahlreichen Bezirkseinrichtungen übernehmen sollte. Tausende von Arbeitsplätzen waren plötzlich in Gefahr und das, so Bartsch, ohne Grund. Nach der Bundestagswahl 2005 wurde Angela Merkel Kanzlerin und Edmund Stoiber folgte ihr für kurze Zeit nach Berlin. Danach war die Bezirksauflösung vom Tisch. „Das waren beängstigende Monate“, so Richard Bartsch kopfschüttelnd.

Zugegeben, die letzten Wochen und Monate zählten auch nicht zu den Favoriten seiner Amtszeit. Die Komplexität der causa Bezirkskliniken Mittelfranken wird nicht nur den neuen Bezirkstag und Verwaltungsrat, sondern auch Gerichte beschäftigen. Davon ist der frühere Bezirkstagspräsident überzeugt. „Es ist wichtig, dass die Angelegenheit untersucht und abgeschlossen wird, damit baldmöglichst Ruhe in den Alltag der Beschäftigten einkehrt“, wünscht er sich.

… beim Besuch 2018 in Danzig, Woiwodschaft Pommern, betont Richard Bartsch die Bedeutung guter Beziehungen in der Regionalpartnerschaft, trotz derzeit ungünstiger politischer Bedingungen in Polen …

Richard Bartsch war wirklich ein „authentischer Präsident“. Durch seine persönliche Präsenz bei enorm vielen Veranstaltungen im gesamten mittelfränkischen Bezirk und dank seiner Affinität für die neuen sozialen Medien ist er schier omnipräsent gewesen. Durch seine offene und gesellige Art hat er sehr viel Sympathien über Parteigrenzen hinweg erhalten und Wertschätzung auch vom ‚politischen Gegner‘.

Jetzt ist eine neue Ära in der Geschichte des Bezirks Mittelfranken angebrochen. Es wäre wünschenswert, dass die von Richard Bartsch begonnene öffentlichkeitswirksame Präsenz weitergeführt wird, um den Menschen in der Region diesem abstrakten Begriff „Bezirk Mittelfranken“ auch weiterhin ein Gesicht zu geben. Bleibt abzuwarten, wie der neue Bezirkstagspräsident Armin Kroder seine Aufgabe versteht und in welchem Maße er sie tatsächlich ausfüllen kann und will.

Auf Richard Bartsch wartet ab Dezember eine neue Aufgabe im Wirtschaftsreferat der Stadt Nürnberg. Der sieht er mit Spannung entgegen.