Fotos: © Michael Vogel

 

Der Intendant und Initiator der Kaspar-Hauser-Festspiele wird für seinen jahrzehntelangen Einsatz und seine Verdienste für das Kulturleben Ende Juli mit dem „Ansbacher Kulturpreis“ geehrt. Die feierliche Verleihung und die gleichzeitige Eröffnung der diesjährigen Kaspar-Hauser-Festspiele findet am 29. Juli, um 11 Uhr, in der Karlshalle in Ansbach statt.

Die „Kaspar-Hauser-Festspiele“ finden vom 29. Juli bis 5. August 2018 statt.

 

Fränx-online und Regiotipp haben mit dem Intendanten ein Gespräch zu seiner künstlerischen Entwicklung geführt.
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Eckart Böhmer – mein Leben mit Kaspar

Er bewegt ihn! Er begleitet ihn schon seit seiner Jugend und er wird und will ihn nicht loswerden!

Im fernen Brasilien beginnt die gemeinsame Geschichte von Eckart Böhmer (Jahrgang 1966) und Kaspar Hauser (Jahrgang 1812?).
Eckart lebt mit seiner Familie im Südamerika – sie müssen oft umziehen, denn der Vater ist Dozent des Goethe-Instituts und so immer im Auftrag der (deutschen) Sprache unterwegs. Mal spricht man in dem Land, wo die Böhmers gerade wohnen Portugiesisch, dann Französisch, dann Deutsch, dann … egal welche Sprache Eckart hört und lernt – sie wird ihn und sein Leben bestimmen.

So wie der Film von Werner Herzog über Kaspar Hauser, der 1974 erschienen ist und auch in Brasilien ausgestrahlt wurde. Der jugendliche Eckart ist fasziniert von der Person des heimat- und vorerst sprachlosen Kaspar, der stets auf der Suche nach seiner Identität, nach seinem ICH ist. Als Reisender zwischen den Welten fühlt sich auch der junge Deutsche, der seine eigenen Wurzeln noch nicht so recht finden kann. Die Schulzeit in Brasilien, die räumliche Dichte der 5.000 Schüler an seiner Schule und die Herausforderungen, im bilingualen Zweig alle Fächer in Deutsch und Portugiesisch gelehrt zu bekommen, lassen kaum Raum für Ruhe und Entfaltung. Eckart findet beides beim Schultheater-Spiel. Seine Passion für die Bretter, die die Welt bedeuten entfacht dort. Aufgrund seiner damals schon markanten Bühnenpräsenz wird er gebeten, die Abiturrede für seine Klasse zu halten.

Er hält sie und spricht – über Kaspar Hauser.

Die Sprache Goethes und seine Theaterleidenschaft bringen ihn zurück nach Deutschland. Er studiert in Ulm Theaterregie und tourt mit seinem Abschluss-Theaterstück samt Workshops über politisch Gefangene durch Süddeutschland. Eine Station seiner Reise ist Ansbach – von ihm nicht bewusst ausgewählt aber er wird unbewusst von der Stadt angezogen.

Zwei Begegnungen sind für Eckart und seinen weiteren Lebensweg ausschlaggebend: ein Workshopteilnehmer schenkt ihm ein Buch über Kaspar Hauser und der damalige Theaterkritiker der ‚Fränkischen Landeszeitung‘, Martin Stumpf, findet entscheidende Worte für den jungen Schauspieler und Regisseur: „Theater wie es sein muss – handwerklich gekonnt und beeindruckend“. Kaspar Hauser und Theater – das waren und sind immer noch die Komponenten für das persönliche und künstlerische Leben des Eckart Böhmer.

Ab sofort will er alles wissen über das „Kind Europas“. Er liest, ja er verschlingt, jede Zeile, die über den Findling je geschrieben oder gesagt wurde, um nach jahrelangem Selbststudium festzustellen: ich weiß, dass ich nichts weiß! Er brachte sich in die von der Stadt Ansbach initiierten „Kaspar Hauser-Woche“ ein um zu testen, ob die Faszination dieser historischen Figur nicht nur ihn sondern auch andere in den Bann zieht. Und das tut sie.

1996 wird vom ‚Spiegel‘ eine Analyse des Blutes von Kaspar Hausers Beinkleidern in Auftrag gegeben. Ein mediales Event, das Ansbach und Kaspar Hauser für einige Wochen in den Mittelpunkt vieler Berichterstattungen bringt. Letztlich bleibt das erhoffte Ergebnis aus – die Pathologen konnten nicht nachweisen, dass es sich tatsächlich um Kaspars Blut handelt – das Rätsel bleibt, der Zauber schwindet aber ein wenig …

Auch wenn viele es sich nicht vorstellen konnten – jetzt sah Eckart Böhmer die Zeit gekommen für „Kaspar Hauser Festspiele“. 1998 fanden die ersten Veranstaltungen statt. Man näherte sich dem Findling auf historischer, künstlerischer, psychologischer und anthroposophischer Ebene. Anfangs war die ‚Fan-Gemeinde‘ überschaubar, hat sich aber in den letzten 20 Jahren zu dem wichtigsten Treffpunkt für Kaspar Hauser Fans und Forscher entwickelt. Manches gleicht eher einem Spagat zwischen Fachsymposium und künstlerischer Aufarbeitung. Diese Vielfalt ist es aber, die Eckart Böhmer reizt und ihn seit Jahrzehnten fasziniert. Mittlerweile kennt er alle Personen und Institutionen, die sich mit Kaspar Hauser beschäftigt haben oder immer noch beschäftigen.

Er war fasziniert von Prof. Dr. Hermann Pies (1888-1983) und hat engen Kontakt zu Johannes Mayer, zwei namhaften Forschern, die sehr intensiv und akribisch Quellenstudium zu Kaspar betrieben haben und ein überaus umfangreiches Archiv besitzen. Viele dieser Schriften und Dokumente werden derzeit in einem „Kaspar Hauser Forschungskreis“ in Berlin gesichtet, archiviert und katalogisiert. Und jedes Jahr kommen neue, teilweise bisher noch nicht veröffentlichte Dokumente aus Privatarchiven zutage. „Dinge, an die noch nie jemand gedacht hat“, berichtet Eckart Böhmer begeistert.

Seine Begeisterung für das ‚Kind Europas‘ hat bei ihm dazu geführt, dass er sich in seinem beruflichen Wirken ausschließlich auf Kaspar Hauser konzentriert. Eckart Böhmer hält pro Jahr ca. 40 Vorträge weltweit vor unterschiedlichem Publikum: von Schulklassen oder in Seniorenheimen bis zu hoch wissenschaftlichen, historischen und psychologischen Symposien sowie Kulturfestivals.
Er hat unzählige Theaterstücke, symphonische Dichtungen und Performances geschrieben oder initiiert – fast jeden Tag entsteht eine neue Idee, die er gerne umsetzen wollte.

Das Mysterium Kaspar Hauser hat nichts von seinem Reiz und seiner Aktualität verloren. Des Menschen Heimatlosigkeit, Sprachverwirrung und Isolation, für die Kaspar Hauser steht, ist heutzutage sogar noch prägnanter als zu dessen Zeit. Vor allem junge Menschen fühlen sich – obwohl mit aller Welt vernetzt – schließlich doch einsam in ihrem ‚virtuellen Kerker‘.

Das ‚Verbrechen am Seelenleben des Menschen‘, wie Anselm von Feuerbach schrieb, die Suche nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit, die Irrungen und Wirrungen – auch Intrigen – sind voyeuristischer bei einer Person des öffentlichen Interesses, so damals Kaspar Hauser und heute die ‚Idole‘ unserer Zeit, dennoch treffen sie auf uns alle zu!

„… der deutschen liebster Märchenprinz sei entzaubert“ schrieb der „Spiegel“ 1996. Die Genanalyse von Dr. Brinkman (2001) hebt aber die Spiegel-Analyse auf, da es sich bei dem damals verwendeten Material nicht um Kaspar Hausers Blut gehandelt haben kann, und bringt ihn wieder sehr nahe an die Erbprinzentheorie heran, wenn auch nicht in eine völlige Deckungsgleichheit mit den Nachfahren der Zähringerlinie, sondern in eine hohe Übereinstimmung, die dann zu der Aussage geführt hat: „wir dürfen nicht sagen, dass er es ist – aber auch nicht, dass er es nicht ist“.

Das Mysterium bleibt: die Figur von Kaspar Hauser wird auch die nächsten Jahrzehnte nicht nur Eckart Böhmer faszinieren und inspirieren.

Man darf gespannt sein …